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Die Dinge neu betrachten

29. August 2023

Es ist vor allem die junge Generation, die sich oft in kleinem Maßstab viele Gedanken macht, was in Zukunft wie funktionieren wird und wo es Verbesserungspotenzial gibt. So hat sich auch die Wiener Meisterklasse Industrialdesign von Stefan Diez intensiv mit Themen auseinandergesetzt, die die nächsten Jahre und Jahrzehnte bestimmen werden und gezeigt, warum es so wichtig und dringend ist, Elemente der Architektur neu zu erfinden.

 

von Barbara Jahn



Neue Gewohnheiten will John Paul mit seinem „Tube Ball“ initiieren, ein Ball aus Fahrradschläuchen in Form einer Blume, die aufgeblasen werden können und mit zwei Verbindungselementen zusammengehalten werden. © John Paul

 

Alles begann mit der Frage: „Wie können unsere Utopien von einem zeitgemäßen Leben in Städten aussehen, wenn wir sie aus den Elementen der Architektur heraus entwickeln?“ Denn die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits empfindlich spürbar und erfordern neue Ansätze, insbesondere im Bausektor, der maßgeblich zur Ressourcenverschwendung beiträgt. Die Student*innen der von Prof. Stefan Diez geleitete Abteilung Industrial Design der Universität für angewandte Kunst Wien haben unter dem Titel „Rethinking the Elements of Architecture“ in den vergangenen zwei Semestern Elemente der Architektur neu gedacht, um den ökologischen Fußabdruck des städtischen Lebens zu verringern. Alles dreht sich um Themen, die die nächsten Jahre und Jahrzehnte bestimmen werden, und es zeigt sich, warum genau diese Denkansätze so wichtig, ja sogar dringend sind.

 


Das Projekt „Lightyard“ von Jakob Stötzler besteht aus einem einfachen Mechanismus, bei dem über ein Drahtnetz kleine Spiegel bewegt werden können, die je nach Position entweder düsteren Hinterhöfe zu mehr Licht verhelfen oder die Sonneneinstrahlung reduzieren können.
© Jakob Stötzler

 

In die drei Themenbereiche „Energiegewinnung“, „urbane Überhitzung“ und „neue Lebensgewohnheiten“ aufgegliedert, bestand der jeweilige Ansatzpunkt darin, der Architektur, die stets auf eine Art Baukastensystem zurückgreift, neu gedachte Elemente aus der Sicht von Industriedesign bereitzustellen. Die Überlegungen reichen von der großflächigen Anwendung von Photovoltaik im öffentlichen Raum über Projekte, die sich mit Beschattung und der kühlenden Wirkung begrünter Fassaden auseinandersetzen, bis hin zu Objekten, wie Möbel oder Gebrauchsgegenstände, die zu nachhaltigen Lebensgewohnheiten führen.

 

 


SPF 365 nennt sich das Beschattungssystem von Alice Klarwein und Steven Dahlinger, mit dem historische Fassaden auf einfache Weise bespielt und in das Zukunftskonzept miteinbezogen werden können.
© 
Alice Klarwein & Steven Dahlinger

 

Beim Unterthema „Going South“ ging es um die Auswirkungen der durch die globalen Klimaveränderungen zukünftig zunehmende Hitzeentwicklung im Stadtraum am Beispiel Wiens. In diesem Zusammenhang entwickelten die Studierenden Projekte zur Beschattung, Kühlung und Begrünung für den Altbau. Die prognostizierten Lebensbedingungen wurden dabei als Chance für die Bewohner*innen betrachtet, die Nutzung des öffentlichen und privaten Raumes neu zu überdenken. Die meisten Städte mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte sind durch die steigenden Temperaturen durch ihre engen Straßen und die dichte Bebauung besonders herausgefordert. Das Projekt von Alice Klarwein und Steven Dahlinger sieht angesichts des sich ändernden Klimas eine kollektive textile Beschattungslösung für die Straßen Wiens vor. Es besteht aus gestrickten Textilpaneelen, die über den Straßen hängen und sich individuell wellenförmig bewegen, um sich dem Sonnenverlauf im Laufe des Tages anzupassen. „SPF 360“ soll vor allem in Gebieten installiert werden, in denen natürliche Kühlungsquellen wie Seen und Bäume fehlen.

 


© Alice Klarwein & Steven Dahlinger

 

Die abstrakte Ornamentik, die die gesamte Umgebung bedeckt, fügt der Umgebung eine zweite Schicht hinzu. Das historische Erscheinungsbild der Stadt wird so auf schlichte Gebäudefassaden mit Mustern auf unaufdringliche Weise erweitert. Anhand der erfassten Straßenabmessungen kann eine parametrische Modellierungssoftware verwendet werden, um die Platten und ihre Textilmuster an diese Proportionen anzupassen. In einem nächsten Schritt können die Paneele durch digitale Fertigungsverfahren wie 3D-Stricken individuell hergestellt werden. Der Stoff hat ein speziell entworfenes durchbrochenes Muster. Während die Paneele durch ihre Bewegung auf der Masche eine sehr dichte Beschattung erzeugen können, ergänzen sie die sie umgebenden Gebäude mit einem ornamentalen Schattenspiel. „SPF 360“ soll eine Beschattungslösung sein, die von der Stadt selbst hergestellt, installiert und gewartet wird. „Wir möchten mit SPF 360 metaphorisch einen Vorhang über eine ganze Stadt drapieren, um die Straßen ebenso zu beschatten wie die Gebäudefassaden, um eine angenehme Temperatur zu schaffen“, sagt das Designer-Team.

 

 


Das System Vego von Anna Sudy ist eine vorgehängte hinterlüftete Fassade, die sich einfach in ein bestehendes Stadtbild integrieren lässt und der Natur, aber auch Vögeln und Insekten neuen Lebensraum bietet.
© Anna Sudy

 

Bei „Heating Objects and New Habits“ standen alltägliche Lebensgewohnheiten auf dem Prüfstand. Grundlagen physikalischer Bedingungen wurden erforscht, soziale Bewertungen wurden hinterfragt. Die Studierenden optimierten Heizung, Kühlung, Belüftung und Wasserverbrauch auf der Grundlage potenziell veränderter Lebensgewohnheiten und gingen der Frage nach, wie Design Verhaltensweisen verändern und zu nachhaltigen Lebenspraktiken führen kann. Mit Vego hat Anna Sudy ein modulares Fassadenbegrünungssystem entwickelt, das aus einzelnen Ziegeln besteht und den Wildwuchs in städtischen Gebieten unterstützt. Nutznießer sollen Menschen, Vögle und Insekten sein. Jedes Ziegelstein-Element ist mit Pflanzensubstrat und Samen gefüllt und ermöglicht es Pflanzen durch seine äußere Lochstruktur wachsen. Der Schwerpunkt liegt auf der Schaffung einer Beziehung zwischen architektonischen Elementen und Pflanzen als Mitgestalter. Anwendung finden soll das System in städtischen Gebieten, wo Vegetation und Kühlung erwünscht sind, sowie als Ergänzung für alte Fassaden, die ein neues Aussehen erhalten sollen.

 


© Anna Sudy

 

Vego wird als vorgehängte hinterlüftete Fassade mit automatischer Entwässerung installiert. Die Befestigung funktioniert über vertikale Metallstangen und -profile zur Fixierung. Jeder Ziegel ist mit Pflanzensubstrat und Samen gefüllt, ermöglicht aber auch fliegenden Wildsamen die Verankerung und sich selbst aussäen. Die Fassade schafft so ihr eigenes Ökosystem, und ändert ihr Erscheinungsbild mit jeder Jahreszeit. Die modularen Ziegelsteinelemente können auf verschiedene Weise angeordnet werden, um unterschiedliche Fassadenmuster zu schaffen. Auf diesen Weise kann man auf das Aussehen der benachbarten Gebäude und die Umgebung reagieren. So kann etwa eine historische Wiener Fassade einfach nachgebaut werden. Vego kann durch das Strangpressen industriell hergestellt werden, eine übliche Produktionsmethode zur Herstellung von Ziegeln. Ihre Motivation erklärt die Studentin so: „Die Temperaturen in den Städten steigen stetig an. Um eine lebenswerte Umwelt für Mensch und Tier zu erhalten, muss eine Lösung gefunden werden. Vego ist ein Ansatz architektonisch interessante Fassaden zu gestalten, die das Erscheinungsbild einer Stadt aufwerten und gleichzeitig als Leinwand für die Vegetation dienen, um die Idee der Rückgewinnung des Raums durch die Natur zu veranschaulichen.“

 


Mit seinem Projekt Dak Doos bespielt Niklas Fiedler ungenutzte Dachräume neu und nutzt dabei die Technologie von ASCA für die Gewinnung von Sonnenenergie.
© Niklas Fiedler

 

Die Studierenden des „Team Sonne“ konzentrierten sich in enger Zusammenarbeit mit dem Hersteller ASCA auf die Anwendung organischer Solarzellen zur Energiegewinnung an unterschiedlichen Standorten Wiens. Die Projekte zeigen Möglichkeiten auf, mit dieser innovativen Technologie von farbig transparenten und flexiblen Photovoltaikfolien das Stadtbild ästhetisch positiv zu beeinflussen. Mit seinem Entwurf Dak Doos hat Niklas Fiedler ein modulares System im Rahmen der städtischen Nachverdichtung entwickelt. Weit mehr als nur ein parasitärer Dachaufsatz, handelt es sich bei diesem Konzept um einen erweiterten Lebensraum mit eigener Energieerzeugung durch eine vor Witterung schützende, textile Struktur auf Basis der organischen Photovoltaik-Technologie von ASCA.

 


© Niklas Fiedler

 

„Es geht um das grundsätzliche Überdenken der städtischen Dächerlandschaft für die Erzeugung von Solarstrom. Aus der Vision einer Entprivatisierung der Dächer von Städten könnten neue Lösungen für einen verantwortungsvolleren Umgang mit unseren Ressourcen entwickelt werden. Denn der Mangel an städtischem Wohnraum nimmt zu, und der Dachausbau eines alten Gebäudes ist keine Seltenheit mehr. Für eine einfachere und flexible Lösung bietet Dak Doos ressourcenschonenden Lebensraum auf den Dächern der Stadt an“ ist Niklas Fiedler überzeugt. Die muschelförmigen farbigen Markisen umhüllen die Fassade und das Dach der Wohnboxen mit einem fließenden Übergang. Sie dienen als Wetterschutz, Abschirmung, Beschattung und erzeugen zudem Strom, der in das Energiesystem des bestehenden Gebäudes eingespeist werden kann. Durch die Erschließung des Innenhofs mit einer Treppe im Gebäude oder durch einen zusätzlichen Aufzug kann eine neue Etage über einen Gehweg erschlossen werden. Da es sich um ein modulares System handelt, ist es in verschiedenen Anordnungen auf unterschiedlichen Dächern bestehender Häuser und – noch weitergedacht – in unterschiedlichen Städten anwendbar, als neues Modell für erweiterten Wohnraum im urbanen Umfeld.

 

 


„ReclaimTheClay“ ist eine Materialstudie von Jasmit Hof, die sich explizit auf die Zugfestigkeit von Lehm konzentriert, da Lehm zwar sehr gut Druck, Zugkräfte aber eher nicht aufnehmen kann. 
© Jasmit Hof

 

Die Themen wurden vom Industrie-Design-Team an der Universität für Angewandte Kunst Wien konzipiert und über ein Jahr lang von Stefan Diez mit Christian Steiner, Katrin Sailer mit Jakob Illera, Elisabeth Wildling mit Peter Mahlknecht, Sofia Podreka mit Marcus Bruckmann, sowie vom gesamten Team, das mit seinem Fachwissen die Umsetzung unterstützt, begleitet. Insgesamt wurden der Öffentlichkeit 18 Projekte im Rahmen des letzten Salone Satellite vorgestellt. Das Thema habe hohe Relevanz, sagt Stefan Diez: „Die scheinbar unüberbrückbaren Widersprüche zwischen den ökologischen und ökonomischen Bedürfnissen sind das herausfordernde Spannungsfeld, mit dem sich unsere Studierenden beschäftigen. Ihre neugierige Suche nach realistischen Alternativen und die Frage, wie eine solche Zukunft aussehen könnte, machen diese Auseinandersetzung so spannend!”

 

www.angewandte-id.com 


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