Wiener Stadthalle, 14. & 15. Oktober 2020

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Mehr als nur eine Lösung

9. Januar 2020

Wie schafft man die zukünftige Balance, Ökologie, Ästhetik und Qualität von Werkstoffen in Einklang zu bringen? Ansprüche und Erwartungen stellen Produzenten, Architekten und Wissenschaftler vor große Herausforderungen.

Von Barbara Jahn


Bio noch weiter gedacht: Aus dem Biokunststoff, der auf Lignin basiert, können auch Fassaden errichtet werden: Mock-Up von Tecnaro
Foto: Tecnaro

 

Ist es richtig, Plastik komplett zu verteufeln? Hat es nicht – richtig eingesetzt und korrekt entsorgt – doch eine gewisse Lebensberechtigung? Die Frage ist doch eher, wie die Menschen damit umgehen. Aber die Zeichen stehen Richtung PVC-Freiheit, und das ist auch gut so, denn der Weg zu einer von Kunststoff weitgehend freien Produktwelt ist ohnehin ein schwieriger und ein langer. Es erfordert ein radikales Umdenken und die Bereitschaft, in diese plastikfreie Zukunft zu investieren, was natürlich auch immer mit hohen Investitionskosten verbunden ist. Aber sie ist möglich, diese Welt, die dem Wundermaterial aus Erdöl entsagt, mit der Gewissheit, neue Konzepte, neues Design und vor allem ein neues Lebensgefühl hervorzubringen.

 


Der Metropol Parasol von Jürgen Mayer H. wurde 2011 in Sevilla errichtet und verzichtet fast vollständig auf Kunststoff.
Foto: Ruben Dene

 

Vorgemacht hat es bereits die Architektur: Der deutsche Architekt Jürgen Mayer H. entwarf für Sevilla einen überdimensionalen Sonnenschutz, den Metropol Parasol, der als eines der größten Holzbauwerke der Welt gilt. Das 2011 fertig gestellte, neue Wahrzeichen der Stadt enthält Kunststoff nur in Spuren – zum Schutz vor der Witterung hat man die Bauteile mit einer dünnen Schicht überzogen. Schwäbische Entwickler wollen nun den nächsten Schritt machen und flüssiges Holz fit für den Markt machen. Damit sollen Produkte biologisch abbaubar gemacht werden und der Einsatz von Plastik drastisch reduziert werden. Jürgen Pfitzer und Helmut Nägele, Bioplastik-Hersteller, sind die Vorreiter: „Wir hatten die Vision, nachwachsende Rohstoffe in der Kunststofftechnik einzusetzen.“ Sie machen aus Lignin, das bislang immer nur verbrannt wurde, jedoch ganz ohne Zutun des Menschen entsteht, einen biobasierten Kunststoff ohne Einsatz von Erdöl und ohne landwirtschaftliche Rohstoffe zu verbrauchen. Das Geheimnis liegt sowohl in der Architektur als auch im Produktdesign darin, dass Holz auf kleine Teile reduziert und miteinander verklebt wird.

 


Von beiden das Beste herausholen: Wie Stahl und Beton ergänzen einander auch Holz und Kunststoff wunderbar – auch das ist nachhaltig.
Foto: Varun Rajendran

Kunststoff ist seit seiner Erfindung der geborene Platzhirsch. Nahezu alles kann aus ihm hergestellt werden – vielseitig einsetzbar, günstig in der Herstellung und für jeden erschwinglich. Kein Wunder also, wenn die Menschen diesem Wunderwerkstoff regelrecht verfallen sind. Doch die Entsorgung macht Probleme, etwas was man in der Euphorie oft übersieht. Doch die Erdölreserven sind endlich und man muss sich auf die Suche nach einem neuen Allrounder machen, den man nun hofft im Holz gefunden zu haben. Immer noch besser als neu produzierter Kunststoff ist eine Kombination der beiden, Holz und Plastik, wie sie beispielsweise bei WPC (Wood Plastic Composite) zum Einsatz kommt. Hier werden die Eigenschaften beider Materialien zum Vorteil genutzt, meist in einem Verhältnis 60 zu 40, wobei der Holzanteil der höhere ist.

 


Kann Plastik öko sein? Ja, wenn das Recycling gut gemacht ist, gibt es auch dafür ein zweites Leben wie hier bei Kartell.
Foto: Kartell

Wenn es gar nicht geht, den Kunststoff aus dem Sortiment zu verbannen, weil etwa ein Produzent damit sein Markenzeichen verlieren würde, ist es – um für umweltbewusste Konsumenten attraktiv zu bleiben – wichtig, auf recycelten Kunststoff umzusteigen. Kein leichtes Unterfangen, denn das Material ist nicht mehr 100 % rein. Mit recyceltem, thermoplastischem Technopolymer kann es jedoch gelingen, die ästhetische Qualität, die strukturellen Anforderungen des Produkts garantieren und zugleich die bei der Produktion unvermeidbaren Emissionen reduzieren. In der Möbelindustrie wird dieser Verfahren bereits erfolgreich angewandt unter Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz, die es möglich macht, auch mit Kunststoff in Reinform neue, zukunftsweisende Wege zu beschreiten.

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